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Marzipanpinguine Ab und zu kommt es mal vor, dass Robert den Staub in seinem Zimmer nicht mehr ertragen kann. Dann kann er sich am Ende dazu aufraffen, es gründlich auf den Kopf zu stellen. Dann macht er auch keine halben Sachen, er fängt damit an, alles Tragbare aus dem Zimmer zu räumen, damit er möglichst viele Ecken und Stellen seines Zimmers erreichen kann. Die sperrigen, schweren Möbel läßt er natürlich an Ort und Stelle, er kann sie allein auch gar nicht verrücken. Er nimmt sich immer viel Zeit dafür, wenn er schon so einen Aufwand betreibt, soll es sich auch lohnen, denkt er. Den Boden hat er schon gesaugt, und jetzt ist er grade dabei, sein Zimmer mit einem Putzlappen zu entstauben. In der linken hinteren Ecke des Zimmers steht eine Zimmerpflanze in einem großen Keramikkübel. Die hat er nicht rausgetragen, die war ihm zu schwer. Die muß auch noch entstaubt werden, auf den glatten grünen Blättern ist eine deutliche Staubschicht zu erkennen. Nebenbei hört er noch eine CD, die grade im Begriff ist, zu Ende zu gehen. Robert geht zum CD-Player, um die CD zu wechseln. Als er das Laufwerk öffnet, und die Musik verstummt, hört er ein seltsames brummendes Geräusch im Raum. Ob es wohl schon länger gebrummt hat, fragt er sich. Wenn, dann hat er es ja nicht hören können, denn die Musik hat es ja übertönt. Er konzentriert sich jetzt ganz auf das Geräusch, und es scheint nach genauem hinhören aus der Ecke zu kommen, in dem die Zimmerpflanze steht. Er geht zur Pflanze, rückt sie etwas beiseite, und horcht jetzt mit seinem Ohr ganz nah an der Ecke. Tatsächlich ist die Quelle des Geräusches genau hier. Das Brummen hört sich an, wie das stetige, gleichbleibende Geräusch eines Baufahrzeuges. Robert denkt kurz nach. Was könnte bloß dieses Geräusch verursachen. Es ist quasi nichts an dieser Stelle des Hauses, was so ein Geräusch erzeugen könnte. Gegenüber dieser Ecke befindet sich der Schornstein, doch selbst der macht nicht so ein penetrantes Geräusch. Aber Robert gehört auch gar nicht zu den Leuten, die Dingen tiefer auf den Grund gehen. Er ist mehr die Sorte Mensch, die sich mit Gegebenheiten abfindet, und versucht, innerhalb einer Ordnung oder einem Geflecht aus Zuständen und Abhängigkeiten in Harmonie auf der Grundlage seines entgegenkommenden, passiven Verhaltens zu leben. Er begreift die Welt in der er lebt nicht als Ort, um dort Auseinandersetzungen zu führen, er möchte einfach nur in Frieden dort leben. Das Brummen aus der Ecke ist immer noch konstant laut, aber trotzdem kann er das Klingeln des Telefons noch deutlich hören. Er geht in das Zimmer nebenan, und nimmt den Hörer ab: “Robert Piterra hier”. Das ist seine Standardfloskel bei Telefonaten.
“ Sind sie das Herr Piterra, hier ist Frau Thenaia aus dem Haus gegenüber.
Ja, denkt Robert. Die nette alte Frau, die mir im Sommer immer selbstgebackenen Apfelkuchen vorbeibringt. “ Was ist denn, Frau Thenaia”
“Ich weiß gar nicht, wie ich es eigentlich sagen soll, sie denken bestimmt, ich bin nicht mehr ganz dicht, wenn ich ihnen das jetzt erzähle”
“ Ach, ich denk längst nicht alles, was sie denken was ich denk, erzählen sie doch einfach mal drauf los, ok?”
“Na gut, ich bin auch ein wenig aufgeregt, wissen sie, das übersteigt alles mein Vorstellungsvermögen”
“Frau Thenaia, jetzt bin ich aber wirklich neugierig, jetzt muß aber was kommen”
“Also vorhin, war mein Mann im Wohnzimmer, und hat da ferngesehen, und ich war in der Küche, und hab gekocht. Und dann kam mein Mann auf einmal zu mir, und erzählte mir, dass da ein lautes Brummen im Wohnzimmer wäre. Ich hab ihm gesagt, er soll den Fernseher mal leiser machen, denn mein Mann hat den immer zu laut an, weil er schon ein wenig schwerhörig ist. Mein Mann ist dann wieder ins Wohnzimmer gegangen, ohne den Fernseher leiser zu machen. Dann wenig später bin ich ins Wohnzimmer gegangen, um meinem Mann zu sagen, dass das Essen jetzt fertig ist, und da hab ich das laute Brummen auch gehört, und noch was gesehen”
“ Was denn, Frau Thenaia ?”
In der hinteren linken Ecke des Wohnzimmers ist ein enger Spalt in der Ecke, aus dem dringt ein helles Licht in den Raum, von da kommt auch das laute Brummen, und mein Mann ist nicht mehr da”
“ Was meinen sie damit, er ist nicht mehr da?”
“ Er ist verschwunden, ich weiß nicht wo er ist, ich versteh das alles nicht, er war vor zehn Minuten noch da, und hat fern gesehen, und jetzt ist er nicht mehr da.” Natürlich ist Robert nicht entgangen, das Frau Thenaia das gleiche brummende Geräusch beschrieben hat, was ihm selbst auch schon vorhin aufgefallen ist.
“ Warten Sie doch mal eben, Frau Thenaia. Ich muss mal kurz in das Zimmer nebenan gehen.“
Er legt den Hörer neben das Telefon und geht wieder in das Zimmer nebenan.
Das brummende Geräusch ist immer noch da, er hat es schon beim telefonieren die ganze Zeit gehört, es ist auch noch ein bißchen lauter geworden. Und auch in seinem Zimmer hat sich in der hinteren linken Ecke des Raumes ein schmaler Spalt aufgetan, aus dem ein helles Licht in den Raum dringt. Er geht darauf zu, doch als er knapp zwei Meter von der Ecke weg ist, spricht ihn die Pflanze an: “ Warte Robert, geh nicht noch näher, sonst mußt du auch den Ausgang suchen.”
Robert ist viel zu verwirrt, um sich darüber Gedanken zu machen, dass er sich mit der Zimmerpflanze unterhält. Stattdessen tut er so, als wäre sie ein sprechender Mensch: “ Wieso soll ich nicht näher gehen, was passiert denn dann mit mir?”
“Als du eben im anderen Raum warst, ging der Spalt in der Ecke auf, und eine Stimme dahinter sagte mir, das du durch den Spalt gezogen wirst, wenn du zu nah ran gehst. Und wenn das passiert, mußt du den Ausgang suchen, und der ist nicht an der gleichen Stelle wie der Eingang.”
“Und warum bist du nicht durch den Spalt gezogen worden?”
“ Ich bin offenbar nicht wichtig genug für den Spalt, oder was immer sich auch dahinter verbirgt “
Der Spalt in der Ecke, geht vom Boden bis zur Decke. Er ist schätzungsweise knapp zwei Zentimeter breit, und ein helles Licht dringt durch ihn in den Raum.
“ Wie soll ich denn da durchgezogen werden, wenn da nicht mal meine Hand durchpasst?, fragt Robert die Pflanze in einem Tonfall, als würde er nach den Lottozahlen vom Samstagslotto fragen”
“Denk was du willst, das machst du ja eh immer, aber denk dran, was die Stimme mir erzählt hat, sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt”
Jetzt rede ich schon mit Pflanzen, und mach mir nicht mal Gedanken darüber, denkt Robert. Aber die Geschichte mit dem Spalt kann nicht sein, das ist physikalisch unmöglich. Von seinen Gedanken fest überzeugt, bewegt sich Robert auf den Spalt zu, und wird augenblicklich von ihm angezogen. Er klebt jetzt in der Ecke, versucht mit den Beinen zu strampeln, aber es ist sinnlos, er kann nicht mehr weg. Der Spalt weitet sich ein wenig, und fängt an, ihn durch die Wand zu ziehen. Das geht völlig reibungslos, entgegen der Annahme, dass es mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist, durch den Spalt zu kommen, geht es ganz leicht. Denn das Mauerwerk ist an dieser Stelle weich wie Butter, und so kann Robert ohne Schwierigkeiten durch den Spalt durch. “Hättest mich ja wenigstens vorher noch gießen können”, ruft die Pflanze ihm noch hinterher, aber das hört er schon gar nicht mehr. Robert ist jetzt da, wo er eigentlich nicht hin wollte. Seine Neugier war einfach zu groß, doch wenn man ihm das vorher beschrieben hätte, wäre er niemals hier hin gegangen. Er schaut sich um, und sieht die Ecke und den Spalt darin jetzt von der Rückseite. Es sieht haargenau so aus, wie von der anderen Seite, aber es war tatsächlich nur der Eingang. Denn anstatt ihn anzuziehen, stößt dieser Spalt Robert ab. Er kann sich unter Aufbietung all seiner Kräfte bis auf einen Meter nähern, aber dann ist Schluß. Als wäre da eine unsichtbare Wand im Weg, hindert Sie ihn beständig daran, den Spalt von der Rückseite zu betreten. Er schaut sich erstmal genau in seiner neuen Welt um. Sie ist ungeheuer nüchtern. Der Boden zum Beispiel, besteht nur aus sterilem, sandähnlichem Pulver, das gleichmäßig verteilt ist. Er fährt mit der Hand dadurch, und nimmt eine Handvoll Pulver vom Boden auf. Augenblicklich rieselt es ihm aus der Hand, und legt sich wieder gleichmäßig verteilt auf den Boden. Das Pulver ist so unnatürlich, nicht ein kleines Körnchen bleibt in seinen Handflächen kleben, es ist wie eine Einheit am Boden vorhanden. Ansonsten kann er nur ein paar Meter weit in den Raum sehen, denn die Luft ist nicht wie gewöhnlich durchsichtig sondern weiß wie Nebel. Aber am besten ist das, was an der Decke über ihm befestigt ist. In ca. zehn Metern Höhe befindet sich ein riesiger Leuchtschirm, der sieht ähnlich aus wie die Lampen in Operationssälen, aber der hier ist so riesig, das er die Randbegrenzungen nicht sehen kann. Der Leuchtschirm strahlt ein helles Licht ab, der vom Boden reflektiert wird. Aber etwas ist anders, er kann direkt in das Licht blicken, und wird nicht im Geringsten davon geblendet. Er muss nicht mal die Augen zukneifen, das einzige was er körperlich vom Licht wahrnehmen kann, ist dessen starke Hitze.
Er hat jetzt zum ersten Mal ein wenig Angst. Diese künstliche Welt behagt ihm nicht, und er weiß nicht, wie er da wieder rauskommen soll. Aber bevor er jetzt einfach da am Spalt stehen bleibt, geht er erst mal ziellos ein paar Schritte nach vorn, in der Hoffnung vielleicht irgendwas zu entdecken. Er hat natürlich keinen Kompass dabei, und es ist überhaupt schwierig sich irgendwie zu orientieren, vor allem, wenn es in dieser Welt nichts außer sterilem Pulver und einem übergroßen Leuchtschirm gibt. Aber er versucht, genau auf seine Schritte zu achten, auf das er so grade wie möglich in eine Richtung geht, um zu verhindern, dass er sich im Kreis bewegt. Er geht ein paar Meter vom Spalt weg, und als er zurückblickt, fällt ihm auf, dass er gar keine Spuren im Boden hinterlassen hat. Dabei ist der Boden bedingt durch die Anhäufung des Pulvers überaus nachgiebig und weich. Er geht noch ein paar Schritte, wobei er dieses mal auf den Boden blickt. Er sieht wie er Spuren macht, und diese gleich darauf wieder verschwinden. Und dann das Licht, was ihn zwar wärmt, aber nicht blendet. Es scheint, als wären ein paar physikalische Gesetze hier außer Kraft gesetzt oder anders. Noch kann er zurückgehen, noch hat er keine Schwierigkeiten, den Spalt aus dem er gekommen ist wieder zu finden. Doch er ermahnt sich selber, sich von dem Spalt zu lösen, er erinnert sich an die Worte der Pflanze. Den Ausgang suchen. Sein Leben parallel zu seinem wirklichen Leben hier in diesem sterilem Raum als komisches, unfreiwilliges Spiel inszeniert, irgendwie aufgezwungen und auch ein wenig beängstigend, irrt Robert jetzt ziellos in dem Raum umher, auf der Suche nach einem Ziel, in diesem Fall den Ausgang. Dieser Umstand, dass er dabei keine Spuren hinterläßt, beunruhigt ihn noch zusätzlich. Als ob er sich ins nichts begibt, völlig ungewiß darüber ob er wieder daraus zurückkommt. Auf seinem Gesicht haben sich dicke Schweißtropfen gebildet. Der Leuchtschirm strahlt eine ungeheure Hitze ab. Während er so läuft, fällt ihn noch etwas auf. Die Schwerkraft ist in diesem Raum nicht so stark, wie er es von der realen Welt kennt. Er merkt es schon bei Laufen, er kann fast ohne Kraftanstrengung im leichten Schritt laufen, und es ermüdet ihn kein bißchen. Ob ich wohl hier weit springen kann, denkt Robert. Er nimmt Anlauf, und springt dann einfach mit einem riesigen Satz nach vorne. Er fliegt mindestens 10 Meter durch die Luft dicht über dem Boden, und landet dann sanft und unkoordiniert auf dem Pulver. Er rutscht durch das Pulver, und wird dann von ihm ausgebremst. Als er aufsteht, sind die Spuren seiner Rutschpartie schon wieder weg. Auf einmal hört er Geräusche, sie kommen von weiter weg. Sie werden lauter, scheinen von rechts zu kommen. Jetzt kann er sie sehen, eine Gruppe von Pinguinen nähert sich ihm. Sie reden aufgeregt miteinander, und alle essen Wassereis
Dabei. Robert spricht den vordersten an: “Hallo, wie seid ihr denn hier reingekommen?”
“Eigentlich wollten wir ja gar nicht hier rein, es war mehr eine Notlösung. Wir waren grade auf dem Flughafen angekommen, weißt du, wir sind nämlich verreist. Vom Nordpol nach Italien, wir wollten mal was anderes sehen. Und als wir dann am Flughafen gelandet sind, war es viel zu heiß für uns. Da haben wir uns erst mal ein Eis geholt. Aber leider hatten wir kein Geld mehr, und so mußten wir die Flucht ergreifen. Der Eisverkäufer ist uns gefolgt, wir sind dann in die Abfertigungshalle des Flughafens gelaufen, die Rolltreppe hoch zu den Sitzreihen, wo Passagiere auf ihr Flugzeug warten. Und da haben wir in einer Ecke einen leuchtenden Spalt gesehen. Wir sind dann ganz nah da ran gegangen, und dann wurden wir davon angesaugt und fanden uns schließlich hier wieder. Aber der Eisverkäufer war so wütend auf uns, das er uns sogar durch den Spalt gefolgt ist, und jetzt sind wir auf der Flucht vor ihm. “
“Aber der Eisverkäufer wird euch hier wahrscheinlich nicht finden”, entgegnet Robert mit einem überzeugten Gesichtsausdruck.
“Und wieso nicht”, fragt da der Pinguin.
“Weil man hier keine Spuren hinterlässt”, sagt Robert da.
“So, na dann geh mal ein paar Meter nach rechts, in die Richtung aus der wir gekommen sind”
Robert tut wie man ihm sagt, und geht ein paar Meter nach rechts. Klar und deutlich kann er einen ganzen Haufen Spuren im weichen Boden erkennen.
Irritiert geht er zu den Pinguinen zurück. “Wieso hinterlass ich denn keine Spuren im Boden?”
“Gute Frage, vielleicht weil du davor am meisten Angst hasst, keine Spuren zu hinterlassen, und spurlos zu verschwinden”
“Woher willst du wissen, wovor ich Angst habe?”
“Weiß ich doch gar nicht, das verrät uns aber der Ort hier, es scheint, als weiß er eine Menge über die Objekte, die sich in ihm aufhalten. Über uns weiß er auch schon viel zu viel. Wir müssen unbedingt versuchen, dieses Licht auszumachen. Es ist viel zu heiß und viel zu hell. Sieh dir unsere Haut an, sie ist schon ganz rot. Vielleicht gibt es ja hier irgendwo einen Schalter, um es auszumachen.“
“Und wenn es keinen Schalter gibt ?”
“Dann kriegen wir alle Hautkrebs, aber bevor wir daran sterben sind wir schon lange verdurstet”
“Wie lange seid ihr denn schon hier?”
“Schätzungsweise ein paar Stunden, aber wir haben schon sehr viel Durst, weil das Licht so heiß ist. Hast du eigentlich ein Handy, Robert?”
“Ja, aber ich hab es nicht mitgenommen”
“Du kannst eins von uns haben, dann können wir uns verständigen wenn es was Wichtiges zu bereden gibt. Meine Nummer ist eingespeichert.”
“ Ihr habt Handys, ihr fliegt nach Italien, meine Pflanze spricht mit mir, und ich bin ganz sicher nicht verrückt?”
“Na hör mal Robert, nur weil wir Pinguine sind, brauchen wir doch nicht auf Annehmlichkeiten zu verzichten, oder? Wir haben halt auch Bedürfnisse, immer nur am Nordpol zu sein ist auch nicht das wahre. Das wird auch irgendwann mal langweilig. Wir müssen jetzt weiter, der Eismann ist sicher ganz in der Nähe. Denk dran uns anzurufen, wenn du irgendwas Wichtiges rausfindest.”
“Ich ruf erstmal zu Hause an, habt ihr das noch nicht gemacht?”
“ Und dann, was willst du denen sagen, wie willst du denen das erklären. Du mußt dir hier selber helfen, die anderen können dir nicht helfen.”
“Wir müssen weiter, alles gute Fremder”
Die Pinguine ziehen wild durcheinander sprechend an Robert vorbei und sind wenig später auch schon wieder im weißen Nebel verschwunden.
Robert bleibt allein zurück, allein mit seinen Fragen komme in ihm erneut eine quälende Unsicherheit auf. Der Spalt in der Ecke war eine Entscheidung, die er scheinbar nicht rückgängig machen kann. Auf einem Zeitpfeil in die Zukunft folgend, ist er ohne Kontrolle ins Nichts gesprungen, und was er vorgefunden hat, ist nichts was ihm vertraut wäre. Während er so mit seinen Ängsten allein ist, fragt er sich nebenher, wo denn eigentlich der Eismann bleibt. Er spürt weder Hunger noch Durst an diesem Ort, aber aus reiner Langeweile könnte er jetzt ein Eis essen. Also geht er einfach entgegen der Spur, welche die Pinguine im Boden hinterlassen haben. Früher oder Später werden sich unsere Wege sicher kreuzen müssen, denkt er sich dabei. Das Licht, das von der unfaßbar großen Lampe über ihm kommt, scheint immer noch beständig auf ihn herab und auch der Nebel hat nicht abgenommen. So läuft er entlang der Spuren ins Nichts auf der Suche nach jemandem mit dem er seine Sorgen teilen kann. Die Sicht nach vorn beträgt wohl höchstens 7 Meter. Auf einmal vermischen sich die Spuren der Pinguine mit denen von menschlichen Fußabdrücken. Das müssen die Spuren vom Eismann sein, denkt Robert. Der bisher grade Verlauf nimmt jetzt eine Linkskurve. Robert läuft weiter entlang dieser imaginären Linie und auf einmal sieht er vor sich ein etwas größeres Gebilde auf dem Boden. Er geht näher ran, und erkennt, dass es ein Eiswagen ist. Er hat an der Kopfseite ein Gestänge, so dass man ihn vor sich herschieben kann, und besitzt mehrere Eistrommeln, die allerdings leer sind. Nur noch klebrige Reste darin lassen darauf schließen, dass vor kurzem noch Eis in ihnen gewesen sein muß. Mit der festen Absicht, auch noch den Besitzer des Wagens anzutreffen, geht Robert den Spuren weiter nach. Wenig später findet er den Eismann schlafend vor. Robert ist froh, dass er endlich einen anderen Menschen an diesem befremdlichen Ort gefunden hat. Deshalb macht er sich sogleich daran, den Eismann aufzuwecken. Der Eismann schreckt aus dem Schlaf auf, und blickt Robert etwas verunsichert an. Robert bemerkt es, und leitet ein klärendes Gespräch ein: “Guten Tag, mein Name ist Robert. Ich komme aus dem Spalt in der Ecke. Ich hab unterwegs die Pinguine getroffen. Sie haben mir von Ihnen erzählt. Ich hatte gehofft, ich könnte ein Eis von Ihnen bekommen, aber wie ich eben gesehen habe, ist keins mehr da.”
Der Eismann rafft sich auf, er sieht etwas ungehalten aus: “Diese verdammten Pinguine, dieses asoziale Pauschaltouristenpack. Die haben mein ganzes Eis aufgegessen, und nichts dafür bezahlt. Ich wollte extra freundlich zu denen sein, damit sie einen guten Eindruck von unserem schönen Italien bekommen, und dann nutzen die unsere Gastfreundschaft so schamlos aus. Das konnte ich natürlich nicht so einfach auf mir sitzen lassen. Doch mittlerweile denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich ihnen nicht durch den Spalt gefolgt wäre. Aus reinem Stolz und vielleicht auch aus Geldgier habe ich das getan. Normalerweise würde ich so was nie machen.”
“Nun ja, das glaube ich ihnen gerne, aber das hilft uns auch nicht, hier wegzukommen, wenn wir uns von der Vergangenheit nicht lösen können. Nehmen sie es hin, dass sie hier sind, daran läßt sich nichts mehr ändern. Wir können aber gemeinsam versuchen, hier wieder wegzukommen. Ich habe die leise Hoffnung, dass es hier irgendwo einen Weg zurück geben muss, einen Spalt, der hier rausführt. Der Eismann wirkt jetzt etwas zuversichtlicher, zumindest merkt man ihm an, daß Roberts Anwesenheit ein Gefühl von Sicherheit verschafft. “Wenn Sie mich nicht aus meinem Traum aufgeweckt hätten, wäre ich jetzt vielleicht schon wieder zu Hause”
“Wie meinen Sie das”, will Robert wissen. “Ich glaube ich habe in dem Traum den ich hatte, als ich hier am Boden lag und schlief, die Zeit rückwärts geträumt, und die Gedanken haben sich hier an diesem Ort manifestiert, beziehungsweise materialisiert. Ist ihnen auf ihrem Weg zu mir etwas aufgefallen?”
“Ja, es hängt mit der Spur im Boden zusammen. Sie hört an einem bestimmten Punkt auf, an dem Sie nicht weiter gegangen sind. Aber anstatt dort zu liegen, finde ich sie hier. Das wäre erklärbar, wenn Sie umgedreht hätten, und zurückgegangen wären. Aber es gibt keine Spur im Boden, die in die andere Richtung führt.”
“Sehr richtig, und daran ist auch erstmal nichts falsch, denn ich bin nicht zurückgegangen. Das Sie mich hier finden, hängt mit meinem Traum zusammen. Ich habe genau das geträumt, was dann in dieser Realität auch umgesetzt worden ist.”
Robert denkt kurz nach, dann fällt ihm noch was ein. ”Ich glaube der Ort organisiert unser Dasein hier ständig neu, und paßt sich an die Geschehnisse an. Als ich das Ende ihrer Spur fand, und mein Weg zu Ihnen von dort seinen Anfang nahm, habe ich keinen Abdruck ihres liegenden Körpers am Boden gesehen. Da sie in ihrem Traum die Realität reorganisiert haben, scheint der Ort hier sich auf die geänderten Verhältnisse eingestellt zu haben.”
“Ob meine Spuren und mein Eiswagen dann wohl auch noch verschwinden werden?”, fragt der Eismann.
Als sie grade in dieses Gespräch vertieft sind, klingelt auf einmal das Handy, welches Robert von den Pinguinen bekommen hat. “Hallo, Robert hier”
“Hallo Robert, hier sind die Pinguine. Wir haben eine sehr interessante Entdeckung gemacht. Es gibt hier tatsächlich einen Schalter, und wir hoffen natürlich, dass man den Leuchtschirm damit ausmachen kann. Die Hitze macht uns wirklich zu schaffen, und wir bräuchten alle bald mal was zu trinken.
Aber hier gibt es noch was anderes, hier liegt eine riesige, halbnackte fette Frau und bräunt sich.
“Was heißt denn riesig?”, Will Robert wissen.
“Das musst du dir unbedingt selbst ansehen, sie ist so groß wie ein Kreuzfahrtschiff.”
“Wo seid ihr denn jetzt ungefähr?”
“Folge einfach unseren Spuren, dann wirst du uns schon finden”
“Ok, wir kommen zu euch. Bis nachher.
Die Tatsache, dass es hier eine riesige fette Frau gibt, hat Robert offenbar genau so widerstandslos in seinem Bewusstsein verankert, wie alle restlichen Mysterien und Begebenheiten hier. Wer schon mit Pinguinen über Handy telefoniert, der kann sich auch riesige fette Frauen noch vorstellen. ”Kommen Sie mit, ich lad sie zu einer Runde Pinguine mit fetter Frau ein?”
Der Eismann ist viel zu nett und zu ängstlich noch dazu, um dieses Angebot abzulehnen. So laufen Sie los, erst zu der Stelle wo Robert sich zuletzt von den Pinguinen trennte, und dann weiter den Spuren folgend. Der Eismann macht einen erschöpften Eindruck. Es scheint als würde ihm die starke Hitze die von dem riesigen Flächenstrahler von oben auf ihn einwirkt ganz schön zu schaffen machen. Die Sichtverhältnisse sind immer noch genau schlecht wie zu dem Zeitpunkt, wo Robert in diese seltsame Welt eingetreten ist. Doch lassen sich die Pinguinspuren am Boden dank ihres zahlreichen Vorhandenseins mühelos verfolgen. Und urplötzlich taucht scheinbar aus dem Nichts eine fette, riesige, liegende nackte Frau vor Ihnen auf. Obwohl sie sehr groß ist, hat der Nebel verhindert, das sie schon aus größerer Entfernung zu sehen gewesen wäre. Sie liegt da, hat außer einer Badegarnitur nichts an, und ist stark am schwitzen, was natürlich von dem Flächenstrahler herrührt. Sie hat die Augen geschlossen, und von Robert und dem Eismann noch nichts bemerkt. Robert sieht den Eismann fragend an. “Wo sind denn die Pinguine hin?” Der Eismann sieht ziemlich fertig aus. “Ich weiß es nicht”, antwortet er knapp. ”Aber ich wünschte, jemand würde das Licht ausmachen. Ich kann diese Hitze schlecht vertragen.” “Vielleicht kann die Frau uns sagen, wo die Pinguine sind. Aber ich weiß nicht, wie ich sie wach machen soll.”
Das ist in der Tat nicht so einfach. Man stelle sich vor. Die Frau ist so groß, das ihre Schulter in liegender Position von der Seite betrachtet das Fünffache von Roberts Körpergröße einnimmt. Und Robert ist 1.80 m groß. Es ist so, als würde man vor einem Reihenhaus mit Balkons stehen, und versuchen, seinen schlafenden Freund im letzten Stock zu rufen. Nun haben Reihenhäuser ein Treppenhaus oder einen Aufzug. Das wäre hier auch hilfreich, denkt Robert sich. Doch da kommt ihm eine viel bessere Idee. Er braucht gar keine Treppe, schließlich sind die Ohren der Frau ganz nah, da sie ja am Boden liegt. Robert läuft zum linken Ohr. Er winkt den Eismann mit einer Bewegung zu sich. Er bittet ihn, dass er ihn auf die Schulter nimmt. Auf den Schultern des Eismanns sitzend, beträgt die Entfernung zu dem Ohr der Frau jetzt nur noch 1 Meter. Er holt tief Luft und schreit dann ganz laut. “Sonnenbrand”. Du musst nur ihre Themen anschneiden, denkt er sich dabei. Da hat Robert den Hauptnerv getroffen. Die Frau wird augenblicklich wach, schlägt die Augen auf, und blickt zur Seite, zu der Seite, wo Robert mit dem Eismann steht. Perfekt, denkt Robert. Er steigt dem Eismann von der Schulter, und die Frau beginnt zu sprechen: ”Noch so zwei Miniaturen. Was führt euch denn hier her? Wer seid ihr?”.Robert antwortet:” Wir sind in diese Welt gekommen, weil wir zu neugierig und unvorsichtig waren. Und jetzt suchen wir einen Ausgang, denn der Eingang war nur der Eingang. Und wir wollten uns hier mit den Pinguinen treffen, aber sie sind nicht hier. Hast du sie gesehen? Haben sie dir gesagt, wo sie hin wollten?” “Ach die Pinguine. Die sind jetzt in meinem Magen. Die hab ich alle aufgegessen. Die waren doch aus Marzipan, und wenn ich einmal anfange, kann ich nicht mehr aufhören. Dann muss ich alle essen.” Robert schaut die Frau ungläubig an: ”Die waren nicht aus Marzipan, die konnten sprechen, und telefonieren. Die hatten alle Nokia Handys, das neueste Modell, und sie haben Eis gegessen, und so.” Die Frau schaut ungläubig zurück: ”Sprechende Pinguine? Nokia Handys? Was redest du denn da? Die waren aus Marzipan. Ich weiß doch wie Marzipan schmeckt.“
“Nein Nein Nein“, schreit Robert. Die waren nicht aus Marzipan. Du kannst doch nicht einfach meine Freunde essen. Kannst du eigentlich noch etwas anderes außer Essen?”
“Braun werden”, antwortet die Frau schlagfertig. Robert versinkt im Sand. Er ist irritiert, versucht nachzudenken. Wahrscheinlich stimmt es, was die Frau sagt. Warum sollte sie ihn auch anlügen. Er kann es nur nicht verstehen. Er ist eben zu sehr mit den Gesetzen die er kennt verwachsen. Er kann sich nur schwer vorstellen, das die Pinguine keine unveränderliche Tatsache, sondern eher ein flüchtiger Zustand sind. Diese fremde Welt, kommuniziert mit ihren Besuchern auf gedanklicher Ebene, und erschafft die Wirklichkeit nach deren Bedürfnissen. Für Robert konnten die Pinguine sprechen, und hatten Handys, weil Robert das Bedürfnis hatte, mit jemanden zu sprechen. Für die Frau waren sie nur aus Marzipan, weil die Frau ständig Hunger hat, und schön braun werden möchte. “Wieso bist du eigentlich so groß?”, Möchte Robert jetzt von der Frau wissen. “Früher war ich so groß wie ihr”, antwortet die Frau. Allerdings war ich mit meiner Statue immer unzufrieden. Ich war nur 1, 50 m groß, aber dafür ziemlich breit. Ich sah aus, wie ein Ball. Dann eines Tages, als ich im Keller war, tat sich in einer Ecke ein leuchtender Spalt auf. Ich ging näher da ran, bis der Spalt anfing mich anzuziehen. So landete ich hier in dieser merkwürdigen Welt. Weil ich nichts Besseres hier mit mir anzufangen wusste, habe ich entschlossen, mich hier zu bräunen. Viel mehr kann ich auch gar nicht machen. Ich kann nämlich nicht aufstehen, weil meine Muskeln mein Körpergewicht nicht tragen können. Ich kann mich mit Mühe und Not aufrecht hinsetzen, aber zu mehr bin ich nicht in der Lage.” Während Sie so reden, geht es dem Eismann zunehmend schlechter. Er ist schon ganz blaß im Gesicht, und seine Stirn ist glänzend vor Schweiß. Er liegt auf dem Boden, sagt kein Wort. Robert weiß, dass er die Hitze nicht vertragen kann. Die Frau scheint das weniger zu kümmern. “Mir ist etwas schlecht”, sagt sie zu Robert. “Ich hab so ein brennendes Gefühl im Magen. “So wie beim Sodbrennen”, fragt Robert. ”Ja, ungefähr so fühlt es sich an” “Siehst du meinen Freund, den Eismann. Es geht ihm nicht gut, er kann die Hitze nicht vertragen. Kannst du was für ihn tun?” “Kann ich. Ich werde ihm Schatten spenden”. Sie nimmt ihre Hand, und plaziert sie gekrümmt über dem am Boden liegenden Eismann. “Jetzt hat er ein Sonnendach. Dafür musst du mich von meinem Sodbrennen befreien.”
“Und wie soll ich das machen”, fragt Robert. “Steig in meinen Magen, und hol die Handys aus mir raus. Du hasst doch vorhin gesagt, die Pinguine hätten alle Handys gehabt.” “Hab ich nicht, sagt Robert zerknirscht.” “Und ob du das hasst, sagt die Frau. Und du wirst die Handys aus meinem Magen rausholen.”
Robert wird schon bei dem Gedanken schlecht, in den Innereien dieser fetten Frau zu wühlen.
“Und wenn ich das nicht mache, fragt Robert.” Die Frau sagt nichts dazu, bewegt nur demonstrativ ihre Hand vom Eismann weg, so daß dieser jetzt wieder der Hitze ausgesetzt ist. Und Robert weiß sehr genau, das der Eismann es nicht mehr lange in der Hitze aushalten wird. Du verfluchtes fettes Miststück, denkt er sich. “Ok, du hasst mich überredet.” Die Frau nimmt ihre Hand, und plaziert sie wieder über dem Eismann. Dieser schläft mittlerweile. “Du musst dich aufrichten, damit ich in deinen Magen hinabsteigen kann
Wenn du dich aufgerichtet hast, steige ich in deine andere Hand, welche du dann bis vor deinen Mund führst, damit ich in deinen Magen steigen kann. “Einverstanden, so machen wir es”, sagt die Frau. Sie versucht sich aufzurichten, hat dabei einen angestrengten Gesichtsausdruck, läuft kurz rot an, doch als sie ihren Oberkörper aufgerichtet hat, normalisiert sich ihre Gesichtsfarbe sehr schnell wieder. Robert klettert in ihre linke Hand, und die Frau führt ihre Hand vor ihren Mund. “Ich brauche ein Seil, an dem ich mich hinabhangeln kann”, sagt Robert. Die Frau reist sich ein paar Haare aus, und verzwirbelt sie miteinander. Sie hat lange blonde Haare, lang genug für Roberts Magenexpedition. Robert nimmt das Seil entgegen, und knotet es an den oberen Backenzahn der Frau. “Ich werde jetzt in deinen Magen steigen. Bitte dreh deinen Kopf so weit wie du kannst nach oben, dann ist es am einfachsten für mich”. Die Frau tut, wie Robert es ihr aufgetragen hat, und Robert begibt sich an den Rand ihres Mundes. Er überprüft noch mal das Seil auf seine Festigkeit, dann ergreift er das Seil mit beiden Händen, und seilt sich langsam hinab. Das Seil ist dank der Verflechtungen griffig genug, um sich langsam und unter Kontrolle daran abzuseilen. Robert ist nicht besonders groß im Verhältnis zur Speiseröhre der Frau. Er verursacht keinerlei Brechreiz oder sonstige Übelkeit bei ihr, während er sich abseilt. Es ist so, als würde man eine Magenspiegelung mit hochentwickelten Nanoinstrumenten machen. Die Frau atmet ruhig und entspannt durch die Nase währenddessen. Robert seilt sich zielstrebig durch die Speiseröhre der Frau in ihren Magen ab. Er setzt auf einem großen, matschigen Haufen Marzipan auf, aus dem einzelne Handys herauskucken. Der Haufen ist äußerst weich und dabei sehr klebrig. Robert darf nicht zu lange an einer Stelle stehen, weil er sonst zu tief darin einsinkt. Aber Robert hat auch gar nicht vor, tief in dem Matsch zu wühlen. Für ihn ist es so oder so nicht leicht, betrachtet er doch die klebrige Marzipanmasse als die Eingeweide seiner jüngst verstorbenen Pinguinfreunde. Er geht in die Knie, und fängt an, die ersten Handys einzusammeln. Jetzt fällt ihm ein, das er eine Tüte hätte mitnehmen sollen, er muss seine Beute ja irgendwie nach oben befördern. Er zieht seine Jacke aus, und knotet die Ärmel so zusammen, dass daraus ein improvisierter Beutel wird. In diesen legt er die Handys ab. Er bewegt sich von der Mitte des Haufens weg, und sieht auch mal am Rand nach. Am Fuß des Haufens findet er noch ein paar Geräte. Er schaut kurz in seine Jacke, zählt seine Fundstücke durch. Er hat 11 Handys eingesammelt, also hat er fast alle gefunden. Er gibt sich mit dieser Ausbeute zufrieden, die noch fehlenden Handys werden sicher vom Verdauungsapparat der Frau nach Draußen befördert werden. Er befestigt die Jacke an seinem Oberkörper, steigt auf die Spitze des Haufens, und ergreift das Seil, um wieder nach oben zu klettern. Es macht ihm keine Mühe, sich an dem Seil hochzuziehen, Robert ist ein sportlicher Mann. Er kann schon die Mundöffnung der Frau sehen, Licht scheint von außen rein. Auf einmal steckt die Frau einen Finger in den Mund, und pult mit dem Fingernagel in ihren Zahnzwischenräumen. Robert ahnt das Unglück voraus. Die Frau schabt mit dem Fingernagel an dem Seil, welches Robert um den Zahn geknotet hat. “Hör auf damit”, schreit Robert so laut er kann, doch die Frau scheint ihn nicht zu hören. ”Nimm den Finger aus dem Mund”, schreit er noch mal aus voller Kehle, aber die Frau setzt ihre Reinigungsaktion fort, ohne sich von irgendwem dabei stören zu lassen. Robert klettert noch schneller nach oben, er hat jetzt ungefähr die Halbe Strecke zurückgelegt. Doch es kommt wie es kommen muß. Die Frau schabt weiter mit ihrem Nagel an dem Seil, bis es sich schließlich lockert und von dem Zahn wegrutscht. Robert fällt tief hinab in den Magen zurück. Dabei dreht er sich mehrmals um seine eigene Achse, bis er schließlich kopfüber in dem Marzipanhaufen landet, und fast mit seinem gesamten Körper darin versinkt. Nur seine Füße schauen oben noch raus. Robert strampelt wild durcheinander, er kriegt keine Luft mehr. In dieser klebrigen Masse ist man schon äußerst unbeweglich. Er versucht mit aller Kraft, sich aus dieser Lage zu befreien, doch es ist sinnlos. Langsam schwinden seine Kräfte, und er wird bewußtlos. Als er aufwacht, liegt er in seinem Zimmer auf dem Boden. Neben ihm steht eine Leiter. Ein Eimer liegt auf dem Boden, und der Inhalt hat sich über dem gesamten Parkettboden des Raumes verteilt. Robert greift sich an den Kopf. Er hat eine schmerzende Beule am Hinterkopf, und seine Schulter tut ebenfalls weh. Das klebrige Gefühl aus dem Marzipanhaufen ist abrupt verschwunden, es fühlt sich jetzt eher naß und kalt an vor lauter Wasser. Robert steht auf, im dämmert so langsam was passiert ist. Er ist beim putzen von der Leiter gefallen, und hat einen längeren Traum gehabt. Er schaut Richtung Ecke, wo die Pflanze steht. Sie gibt keinen Ton von sich, ist wieder nur das gewohnte Gewächs, das sich in die Langeweile des Alltags eingliedert. Robert geht nah an die Pflanze, betrachtet ihre Blätter. Sie sind trocken und mit Staub bedeckt. Von einem Blatt geht ein Faden, das Überbleibsel eines Spinnennetzes zur Wandecke hinter der Pflanze. Er geht ins Bad, mustert die Beule an seinem Kopf. Die Beule ist ziemlich ausgeprägt, weist jedoch keine Kruste auf. Die Haut ist unversehrt. Seine Schulter sieht rötlich und etwas geschwollen aus, er wird sie die nächsten Tage nicht voll einsetzen können. Er holt einen Aufnehmer, geht zurück in sein Zimmer, und wischt das Wasser vom Boden auf. Der Eimer füllt sich langsam, das Zimmer ist jetzt wieder begehbar. Robert geht noch einmal zu der Ecke, wo die Pflanze steht. Von dem Spalt in der Ecke ist nichts mehr zu sehen. Es war alles so real, denkt Robert. So einen Traum hab ich noch nie vorher gehabt. Es ist ein warmer Spätsommertag. Robert geht zum Fenster, schaut nach oben zum Himmel. Von links fliegt ein Zeppelin langsam vorbei. Er betrachtet ihn länger, dabei schweifen seine Gedanken ab. Er stellt sich vor, der Zeppelin ist die fette Frau, so aufgebläht und unförmig wie seine Hülle ist. Und die Pinguine sind sicher an Bord des Zeppelins und telefonieren alle mit ihren Handys zu ihren Bekannten nach Hause. Es sei denn, sie sind aus Marzipan, dann ist sie sicher der Eismann in seiner Mittagspause. Robert hat Hunger bekommen, der Zeppelin zieht weiter, Robert geht in die Küche und macht sich was zu essen.

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